Ein Lied von Jovan Dučić
Ein Lied an die Frau von Jovan Dučić
Übersetzung
Du bist mein Augenblick, mein Schatten,
mein leuchtendes Wort in der Stille.
Mein Schritt, mein Umherirren –
Du bist nur Schönheit, insofern du Geheimnis bist,
und nur Wahrheit, insofern du Sehnsucht bist.
Bleibe unerreichbar, stumm und fern –
denn der Traum vom Glück ist größer als das Glück.
Sei unwiederbringlich wie die Jugend;
dein Schatten und Echo mögen alles sein, was bleibt.
Bleibe unerreichbar, stumm und fern –
denn der Traum vom Glück ist größer als das Glück.
Sei unwiederbringlich wie die Jugend;
dein Schatten und Echo mögen alles sein, was bleibt.
Das Herz erzählt in der Träne, die es vergießt;
in großem Schmerz findet die Liebe ihr Ziel.
Wahr ist nur, was die Seele erträumt,
Der Kuss ist die größte Begegnung auf Erden.
Aus meiner Vision bist du ganz gewebt,
dein Mantel aus Sonnenlicht, gesponnen aus meinem Traum.
Du warst mein verzauberter Gedanke,
Symbol aller Eitelkeit, verheerend und eisig.
Und du existierst nicht, noch hast du je existiert,
Geboren in meiner Stille und Trauer,
Auf der Sonne meines Herzens hast du nur gestrahlt:
Denn alles, was wir lieben – haben wir selbst erschaffen.
Einleitung:
Jovan Dučić, ein serbischer Lyriker (1871–1943), gilt als eine prägende Stimme der modernen serbischen Dichtung. Er brachte eine neue Haltung zur Natur, zum Leben – und zur Liebe – in die Lyrik seines Landes. Die Frau erscheint in seinen Gedichten nicht als reale Figur, sondern als Symbol, als Projektionsfläche für Sehnsucht, Schönheit und Unerreichbarkeit.
Seine Sprache ist durchzogen von Nebel, Ferne und Schweigen. Die Liebe, von der er schreibt, ereignet sich nicht im Hier und Jetzt, sondern irgendwo – irgendwann – in einem blauen, traumhaften Land jenseits der Realität.
Wiederkehrende Begriffe wie dunkel, fern, sprachlos, tot, Nebel, Stille und Trübheit verleihen seinen Versen eine melancholische, fast ikonische Tiefe. Die Natur ist dabei nicht bloße Kulisse, sondern zentrales Motiv – mystisch aufgeladen und innerlich bewegt.
Die Frau in Dučićs Lyrik erscheint entrückt, aristokratisch, kühl und distanziert. Sie ist nicht leiblich, nicht greifbar – sondern ein Bild, das dem Glücklichen nahe ist, aber dem Menschen fern bleibt. Seine Liebeslyrik ist keine Feier des Irdischen, sondern eine stille Meditation über das Unerreichbare.
In diesem Beitrag widme ich mich einem seiner bekanntesten Gedichte: „Pesma ženi“, auf Deutsch „Ein Lied an die Frau“.
Es ist ein Text, der die Dučić’sche Haltung zur Liebe und Weiblichkeit in verdichteter Form zeigt – und zugleich Raum öffnet für psychodynamische Deutung, für innere Bilder und für die Frage, was diese Verse in uns berühren.
Das Gedicht:
Bereits in den ersten Zeilen wird deutlich: Die Frau, von der Dučić spricht, ist keine irdische Figur. Sie verkörpert eine aristokratische, kühle, distanzierte Schönheit – nicht greifbar, nicht lebendig, sondern fern und unerreichbar.
Sie ist ein Bild, das Sehnsucht auslöst, aber sich jeder Nähe entzieht. Eine Projektion, die nicht im Leben wurzelt, sondern in einem Traumland, das jenseits der Realität liegt.
In der zweiten Strophe verdichtet sich dieses Bild: Die Frau soll stumm und fern bleiben – ein Schatten, ein Echo, ein Sehnsuchtsort.
Dučić schreibt, dass der Traum vom Glück größer sei als das Glück selbst. Damit rückt er die Frau weiter in die Ferne, macht sie zum Symbol für das was nie ganz erreicht werden kann aber mit aller Kraft ersehnt wird.
In den späteren Versen wird deutlich, dass diese Frau nicht aus der Wirklichkeit stammt, sondern aus der Fantasie, aus einem inneren Bild, einem Zauber, einem Gedanken.
Die Sehnsucht bleibt im Raum stehen – unendlich, schmerzlich, schön. Und zugleich wird etwas Trauriges spürbar: Diese Frau gibt es nicht. Sie ist ein Traum, eine Idee, eine vollkommene, aber unwirkliche Gestalt.
Je schöner und verzauberter das Bild, desto deutlicher wird auch die Einsamkeit, die es begleitet. Dučić liebt nicht eine reale Frau, sondern sehnt sich nach einer stummen, fernen, unerreichbaren Figur – und damit auch nach etwas, das ihn von der Welt trennt.
Die letzte Strophe – für mich die mächtigste und schönste – teilt etwas Besonderes mit uns:
Dučić offenbart, dass diese Frau in seiner Stille und Trauer geboren wurde.
Das ist eine zutiefst poetische, traurige und berührende Erkenntnis: Dass wir alles, was wir lieben, auch selbst erschaffen – aus Sehnsucht, aus Schmerz, aus innerer Bewegung.
Dieser Satz trägt große Tiefe. Er zeigt, wie mächtig Sehnsucht sein kann – und wie oft sie sich auf das richtet, was vollkommen scheint, aber unerreichbar bleibt.
Vor allem, wenn es Sehnsüchte nach Perfektion sind, nach etwas Glücklichem, Besonderem, das außerhalb des gelebten Lebens liegt.
Meine Auseinandersetzung:
Ich habe mich diesem Gedicht aus mehreren Gründen zugewandt: Zum einen begleitet es mich seit langem, zum anderen öffnen seine Verse einen Raum der Sehnsucht – verwurzelt im Unbewussten, in der inneren Traumwelt.
Das Gedicht trägt eine mächtige Botschaft:
Dass der Mensch Sehnsüchte in sich trägt – nach dem Besonderen, dem Vollkommenen, dem idealisierten Gegenüber. Doch gerade dieses Ideal bleibt unerreichbar: ein inneres Bild, von Sehnsucht durchzogen und nur in der stillen Innerlichkeit geborgen, das nicht in der Realität wurzelt.
Viele Menschen tragen eine solche Suche in sich: Die Suche nach der perfekten Begegnung, einem Zauber, der alles erfüllt. Sie suchen – manchmal viele Jahre, manchmal ein Leben lang – und bleiben enttäuscht oder einsam zurück.
So wie auch Dučić in seinen Zeilen eine tiefe Einsamkeit spürbar werden lässt.
Möglicherweise zeigt uns das Gedicht, dass es zu den stillen Aufgaben des Menschseins gehört zu erkennen, dass alles, was uns begegnet, von Unvollkommenheit durchwoben ist – und gerade darin seine Wirklichkeit findet.
Und es erinnert uns daran, dass die Kraft, eigene Träume zu weben, in uns selbst liegt – und dass wir auf diesem Weg jene Fähigkeit entdecken können, in unserem Inneren Räume von Schönheit, Sinn, Liebe und Bedeutung entstehen zu lassen.
Von hier aus öffnen sich fast von selbst jene Räume, die auch in der Therapie bedeutsam werden. Denn das Schwerste ist oft das Innerste: das Schöpferische, den Sinn und die Liebe in sich selbst zu finden.
Um das eigene Selbst libidinös zu besetzen, müssen wir die Welt, die Natur, die Welt der Menschen und ihre Beziehungen an uns heranlassen, da das Selbst die Erfahrung mit der Welt benötigt, sich im Auge des Anderen sieht und sich dort entfalten kann. Eine solche Öffnung zur Welt und zu den Beziehungen bedeutet immer auch eine Öffnung zur Realität, jenseits der Idealisierung – und, im Gegensatz zu Dučićs Frau, hin zu einer Unvollkommenheit.
Doch jede wirkliche Nähe birgt ein Risiko. Jede Hingabe, jede tiefe Verbundenheit verlangt ein Öffnen der eigenen Grenzen. Liebe und Nähe sind ohne ein sanftes Aufweichen des Selbst kaum denkbar. Viele Menschen scheuen diese Bewegung – aus Angst, sich zu verlieren oder verletzt zu werden.
Vor diesem Hintergrund erscheint auch Dučićs sehnsuchtsvolle, einsame Liebe in einem anderen Licht. So tragisch sie wirkt, birgt sie zugleich eine stille Sicherheit. Sich nach einer unerreichbaren, platonischen Liebe zu sehnen, ist sicherer, als die reale Gefahr der Nähe zu wagen. Das Selbst bleibt unberührt, die Grenzen müssen nicht geöffnet werden, und die Angst vor Verletzung oder Selbstverlust bleibt fern. Leere und Einsamkeit können so zu einem paradoxen Schutzraum werden. Und doch hemmt dieser Schutz die Öffnung zur Welt und zu anderen Menschen – jene Erfahrung von Lebendigkeit, die uns erst wirklich in Beziehung bringt.
Wenn eine solche innere Dynamik Leidensdruck erzeugt, kann es in einer psychodynamischen Therapie darum gehen, diese Hemmung zu verstehen und der darunter liegenden Angst behutsam zu begegnen. So kann ein Zugang zur eigenen Lebendigkeit entstehen – und ein Möglichkeitsraum, in dem eine wahrhafte, realitätsbezogene Verbindung, frei von Idealisierung, sowohl zum Gegenüber als auch zum eigenen Selbst möglich wird.
Ein Raum, in dem das Selbst nicht nur sichtbar wird, sondern sich entwickeln, wachsen und verweilen darf.
Und es geht auch darum, sich der Unvollkommenheit zu stellen – der des Anderen ebenso wie der eigenen, die jedem Menschen innewohnt.
Denn nur in der Verbindung mit der eigenen Unvollkommenheit kann etwas Schöpferisches im Menschen entstehen.
Jovan Dučić – Pesma ženi
Das Gedicht in Originalsprache
Ti si moj trenutak, i moj sen, i sjajna
Moja reč u šumu; moj korak, i bludnja;
Samo si lepota koliko si tajna;
I samo istina koliko si žudnja.
Ostaj nedostižna, nema i daleka –
Jer je san o sreći viši nego sreća.
Budi bespovratna, kao mladost; neka
Tvoja sen i eho budu sve što seća.
Srce ima povest u suzi što leva;
U velikom bolu ljubav svoju metu;
Istina je samo što duša prosneva;
Poljubac je susret najveći na svetu.
Od mog priviđenja ti si cela tkana,
Tvoj je plašt sunčani od mog sna ispreden;
Ti beše misao moja očarana;
Simbol svih taština porazan i leden.
A ti ne postojiš nit si postojala;
Rođena u mojoj tišini i čami,
Na suncu mog srca ti si samo sjala:
Jer sve što ljubimo stvorili smo sami.
In der aktuellen Fassung vom 03.01.2026
Das Gedicht liegt online in der Originalsprache vor. Die deutsche Übersetzung wurde eigenständig mithilfe einer KI angefertigt.