Eine Erzählung von Christa Wolf
Einleitung:
Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ ist im Jahre 1983 erschienen. Das Besondere war, dass dieses Werk gleichzeitig sowohl in der DDR als auch BDR veröffentlicht wurde, was damals für DDR-Autor*innen ein wichtiger Vorgang war.
Die DDR-Ausgabe ist im Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar und die BRD-Ausgabe ist im Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied erschienen.
Im März 2025 hat Christa Wolfs Erzählung über Kassandra eine Neuauflage mit besonders schönen Illustrationen im Büchergilde Gutenberg Verlag bekommen. Die Illustrationen wurden von der Künstlerin Nadine Prange angefertigt.
Bevor ich mich der besonderen Erzählung von Christa Wolf zuwende, möchte ich in groben Zügen skizzieren, wer Kassandra ist.
Kassandra ist die Tochter von Hekabe und Priamos, dem trojanischen Königspaar.
In Homers Ilias spielt Kassandra nur eine kleine, nahezu unbedeutende Nebenrolle und wird lediglich an wenigen Stellen erwähnt.
Gerade dieser Umstand ist bemerkenswert – denn in der griechischen Mythologie ist Kassandra als die ungehörte Prophetin sehr bekannt. Ihre tragische Rolle wurde vor allem durch die kyklischen Epen sowie durch das klassische Theater weitergetragen. Das bedeutendste Werk, in dem sich Kassandras tragischer Charakter offenbart, ist die Orestie-Trilogie von Aischylos. Die entscheidende Quelle für ihr Schicksal zeigt sie als Kriegsbeute des Königs Agamemnon, der sie nach Mykene mitnimmt – wo sie gemeinsam mit ihm von dessen Frau Klytaimnestra ermordet wird. Als Seherin sah Kassandra ihren eigenen Tod voraus, doch sie konnte ihn nicht verhindern – denn niemand glaubte ihr.
In den antiken Quellen bleibt Kassandra oft eine Randfigur – eine Stimme, die zwar spricht, aber nicht gehört wird.
Christa Wolf jedoch schenkt ihr eine Stimme, einen inneren Raum, eine Geschichte. In Christa Wolfs Erzählung tritt Kassandra – ebenso wie die anderen Frauen Trojas, die bislang im Schatten einer männlich dominierten Überlieferung standen – ins Licht.
Durch Kassandras Augen sehen wir die Anbahnung des Krieges, den Trojanischen Krieg und sein Ende – und wir spüren ihr Schicksal, in dem ein tiefer Schrecken wohnt, der für die Leser*innen unmittelbar fühlbar wird.
Die Erzählung:
Bereits in den ersten Zeilen wird Kassandras Schrecken spürbar. Eine immense Unruhe durchzieht jede Beschreibung, jede Geste, jede Bewegung. Und wie sollte es auch anders sein? Kassandra ist zu Beginn der Erzählung bereits Agamemnons Kriegsbeute, auf dem Weg nach Mykene – und in den eigenen Tod.
„Mit der Erzählung gehe ich in den Tod. Hier ende ich, ohnmächtig, und nichts, nichts, was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein anderes Ziel geführt.“ (S. 5–6)
Wenn der Tod die unwiederbringliche Auslöschung des Selbst symbolisiert, dann ist der Tod, der Kassandra erwartet, noch mehr als das: Sie weiß, dass auch ihre Kinder – die namenlosen Zwillinge – in Mykene den Tod finden werden. Die Ermordung der Kinder steht symbolisch für die Vernichtung der trojanischen Zukunft – ein letzter Schnitt, der nicht nur Leben, sondern Herkunft, Kontinuität und Zukunft zerstört.
Neben dem fühlbaren Schrecken wird deutlich: Kassandra konnte bislang über das Erlebte nicht sprechen. Ihre Stimme blieb stumm, ihr Wissen ungeteilt, ihre Wahrheit unverstanden. Im traumatologischen Sinne bedeutet dies: Sie konnte das Geschehene nicht integrieren. Die Eindrücke verharren als unverbundene, intrusive Fragmente im somatosensorischen und affektiven Gedächtnis – sie bleiben sprachlos und unbewohnbar.
„Für alles auf der Welt nur noch die Vergangenheitssprache. Die Gegenwartssprache ist auf Wörter für diese düstere Festung eingeschrumpft. Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.“ (S. 20)
Doch am Ende, vor ihrer Auslöschung, spricht Kassandra. Sie spricht nicht, um sich zu retten oder das Unabwendbare abzuwenden. Sie spricht, um zu bezeugen, um zu integrieren, um dem Schrecken durch die Rückgewinnung ihrer Subjektivität einen letzten, unerschütterlichen Widerstand entgegenzusetzen.
„Lebt der Gedanke, einmal in der Welt, in einem anderen fort?“ (S. 9)
Ihre Erinnerungslandschaft ist zu Beginn brüchig. Das Trauma zeigt sich in der Zersplitterung der Wahrnehmung. Symbolisch könnte man meinen, dass sie blind durch die Landschaft ihrer Erinnerung streift, ohne auf festem Boden zu stehen, ohne sich orientieren zu können. Die Landschaft ihrer Erinnerung ist fragil, löchrig, uneben.
„Nie war ich lebendiger als in der Stunde meines Todes, jetzt.“ (S. 31)
„Wenn ich mich heute an den Faden meines Lebens zurücktaste, der in mir aufgerollt wird; den Krieg überspringe, ein schwarzer Block; langsam, sehnsuchtsvoll, in die Vorkriegsjahre zurückgelange; die Zeit als Priesterin, ein weißer Block; weiter zurück: das Mädchen – dann bleibe ich an dem Wort schon hängen, das Mädchen, und um viel mehr hänge ich erst an seiner Gestalt. An dem schönen Bild. Ich habe mehr an Bildern gehangen als an Worten, es ist wohl merkwürdig und ein Widerspruch zu meinem Beruf, aber dem kann ich nicht mehr nachgehen. Das letzte wird ein Bild sein, kein Wort. Vor den Bildern sterben die Wörter. Todesangst.“ (S. 32)
Kassandra lässt sich von der Todesangst nicht lähmen. Indem sie erstarrte Bilder Schritt für Schritt in Worte transformiert, vollzieht sie einen entscheidenden neurobiologischen und psychologischen Wandel: die Übertragung vom impliziten, traumatischen in das narrative Gedächtnis. Durch die Narration wird das Erlebte als vergangen begriffen, und dieses Erlebte bekommt nun einen Platz in der eigenen Lebensgeschichte.
„Dies alles, das Troja meiner Kindheit, existiert nur noch in meinem Kopf. Da will ich es, solange ich Zeit hab, wieder aufbauen, will keinen Stein vergessen, keinen Lichteinfall, kein Gelächter, keinen Schrei. Treulich, wie kurz die Zeit auch sein mag, soll es in mir aufgehoben sein. Jetzt kann ich sehen, was nicht ist, wie schwer hab ich’s gelernt.“ (S. 42)
Kassandra schildert die langsame Veränderung Trojas – die Fahrt in Richtung Katastrophe, die Erstarkung patriarchaler Strukturen und den Ausschluss der Frauen aus den Verhandlungsräumen. Im übertragenen Sinne steht dies für das Verlassen von Weichheit, Mütterlichkeit und letztlich auch von Diplomatie.
Besonders bedeutsam erscheint mir, dass in dieser Erzählung die Frauen sichtbar werden – jene, die in Kriegsgeschichten, die meist Männergeschichten sind, oft nur am Rand erscheinen. Christa Wolfs Kassandra gibt diesen Stimmen Gewicht. Sie zeigt, dass der Krieg nicht nur auf den Schlachtfeldern tobt, sondern auch in den Körpern, Beziehungen und Erinnerungen der Frauen. Und sie macht spürbar, dass das Schweigen der Frauen ein unendlicher Ausdruck der Not ist – und zugleich ein Zeugnis dafür, dass ihnen das Sprechen einst verboten wurde.
„Nach dem Tod des Troilos verlor Briseis, der Kalchas Tochter, beinahe den Verstand. So viele Frauen ich in diesen Jahren schreien hörte – der Briseis’ Schreie, als wir Troilos begruben, ließen unser Blut gerinnen. Lange ließ sie keinen zu sich sprechen und sprach selbst kein Wort.“ (S. 115)
Mit dem Fortschreiten der Zeilen und Seiten wird spürbar, wie Kassandras innere Landschaft durch das Erinnern und Erzählen allmählich in Fluss gerät. Sie wird geordneter und ruhiger – ein Zeichen für die beginnende Integration und das Annehmen des Erlebten. Ein Prozess, der auch in der Psychotherapie einen bedeutsamen Wirkfaktor darstellt.
Es gibt Passagen von besonderer Schönheit und Tiefe, in denen sich Kassandra mit ihren Mitmenschen auseinandersetzt. Es gelingt ihr, ihre Lebensgeschichte und ihre Erfahrungen zunehmend zu benennen, zu ordnen, zu fassen. Sie gibt ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung und ihrer Wut Raum.
In der Stille sucht – und findet – sie einen Weg, das Ungesagte zum Gesagten zu machen, dem Sinnlosen einen Sinn zu verleihen. So kann sie schließlich auch ihr Schicksal annehmen. Und letztlich – und vielleicht am wichtigsten – begegnet sie sich selbst. Vielleicht entsteht gerade durch dieses Annehmen jener innere Raum, in dem sie – im letzten Augenblick ihres Lebens – an die Liebe denken kann. An Aineias.
„Der Schmerz soll uns an uns erinnern. An ihm werden wir uns später, wenn wir uns wiedertreffen, falls es ein später gibt, erkennen. Das Licht erlosch. Erlischt. Sie kommen.“
Psychodynamische Auseinandersetzung:
Kassandra ist eine mächtige und tiefgründige Erzählung über das Leben – über Sehnsucht und Beziehungen, über Schmerz, Verlust, Trauer und Abschied. Vor allem aber ist es eine Erzählung über das Erinnern und das Erzählen, über das Ordnen, das Zulassen und das Integrieren des scheinbar Unintegrierbaren. Es ist eine Geschichte darüber, welch heilsame Kraft im Erzählen, im Erinnern und im bildhaften Entstehenlassen liegt.
In der Psychotraumatologie spiegelt Kassandras Weg exakt den Prozess der Übertragung vom traumatischen Gedächtnis zum narrativen Gedächtnis wider. Während das traumatische Gedächtnis starr und sprachlos im Hier und Jetzt gefangen bleibt, erlaubt erst das narrative Gedächtnis durch das Finden von Worten, das Erlebte als vergangen zu begreifen. Zwar überlebt Kassandra dadurch nicht – auch kann sie ihrem Schicksal nicht entkommen. Doch sie findet einen Weg, das Schweigen zu durchbrechen. Sie schafft innere Räume, in denen Fühlen und Denken möglich werden – und scheidet so mächtig aus dem Leben.
Diese Erzählung verdeutlicht, wie bedeutsam der Resonanzraum des Erzählens und Berichtens ist. Das Besondere an Psychotherapie ist, dass sie Resonanz ermöglicht. Das Gegenüber fungiert als psychischer Behälter, der die unaussprechlichen, rohen Fragmente des Traumas aufnimmt, sie durch die eigene Resonanz verarbeitet und sie in einer erträglichen, benennbaren Form wieder zurückgibt. All diese Erfahrungen können den traumatischen Schrecken lindern, einen inneren Raum schaffen, in dem das Geschehene seinen Platz finden darf. Indem versucht wird, den Erfahrungen eine Bedeutung zu geben und dem Unsinnigen einen Sinn. Zu verstehen, was verstanden werden kann – und das Unverstehbare als solches zu benennen und zu betrauern.
Durch die Narration kann das Geschehene zwar nicht ungeschehen gemacht und die eigene Geschichte nicht umgeschrieben werden – aber sie gibt dem Menschen die Möglichkeit, das eigene innere Haus neu zu ordnen, neu zu besetzen und die Kontrolle über das eigene Leben (wieder) zu erlangen.
Die Erzählung reicht weit über den literarischen Kontext hinaus. Sie lehrt uns vielleicht, wie bedeutsam es sein kann, das eigene Schweigen zu durchbrechen, einen Denk‑, Fühl‑ und Resonanzraum zu schaffen, in dem die eigenen Erfahrungen und das eigene Leben Raum bekommen und sich ordnen können. Einen Platz in unserem inneren Haus bekommen. Doch das Erzählen und das Sortieren sind nicht nur für die Lebenden von Bedeutung – sondern auch für die Sterbenden. Nicht selten geschieht es, dass Menschen in schweren Erkrankungen vereinsamen, gemieden werden und es nicht schaffen, ins Erzählen zu kommen und mit dem eigenen Leben in Kontakt zu treten. Doch das Sterben ist ebenso bedeutsam wie das Leben. Gut zu sterben und gut Abschied zu nehmen ist Teil einer Würde, die jedem Menschen zusteht.
Kassandra lehrt uns, dass Erinnern nicht nur Rückschau ist – sondern ein Akt der Würde. Das Erzählen schafft einen Raum, in dem das Leben nachträglich Sinn findet und selbst das Sterben zu einem integrierten Teil der eigenen Identität werden kann.
Literatur: Wolf, Christa (2025). Kassandra. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg.