Einleitung
Tommie Goerz’ Roman Im Schnee (erschienen 2025 im Piper Verlag) behandelt Fragen von Verlust, Vergänglichkeit und der Stille des ländlichen Raums. Das Werk widmet sich den Spuren, die ein Leben hinterlässt, bevor sie von der Umwelt bedeckt werden. Durch eine stilistische Zurückhaltung gewinnt die Erzählung eine erhebliche psychologische Tiefe, indem sie das emotionale Erstarren einer Dorfgemeinschaft sowie das Ringen des Einzelnen um Ausdruck porträtiert.


Der Roman
Die Erzählung setzt in einer gedämpften, winterlichen Atmosphäre ein. Der Schnee legt sich wie ein Schleier über die Landschaft und fungiert als Metapher für das Ausblenden und Verdecken. Der Protagonist Max steht an einem kalten Januartag am Fenster und beobachtet das Fallen des Schnees, als die Totenglocken läuten. Kurz darauf erfährt er vom Tod seines langjährigen Begleiters Schorsch (eigentlich Georg).

„Aber jetzt war es der Schorsch, der tot war. Und plötzlich war die Welt eine andere.“(s. 13)
„Max stand noch immer am Fenster. Irgendwie war alles voll Schorsch.“ (s. 20)

​Max führt mit zaghafter Stimme durch die Topografie des kleinen Dorfes und über die kargen Inseln seiner eigenen Erinnerung. Er zeichnet das Bild eines im Verfall begriffenen Ortes, geprägt von Verlassenheit, Einsamkeit und Schweigen. Metzgerei und Wirtshaus sind seit geraumer Zeit geschlossen, und manchmal vergeht eine ganze Woche, bevor Max einen Zug vorbeifahren sieht. Der Verfall liegt in der Luft, in den leeren Straßen, und wird mit jeder Zeile greifbarer.

Am Abend sieht Max einen unbekannten Mann am Gleis stehen: einen Wanderer, einen Fremden. Er bietet ihm Unterschlupf an, um sich aufzuwärmen. Der Wanderer Janis bringt eine Atmosphäre der Neugier in die Geschichte – in der Luft liegt eine leise Ahnung von Neubeginn und Abschied. Als er Max fragt, ob Schorsch sein Freund gewesen sei, konfrontiert dies Max mit einer inneren Leere. Erst in diesem Moment wird ihm greifbar, dass er diese Verbindung nie klar benannt oder hinterfragt hat; sie war schlicht vorhanden, wie ein Stück Landschaft, das man erst im Verlust bewusst wahrnimmt.

„Freund?“, sagt er dann. „Keine Ahnung. Der war einer von hier, wir haben viel miteinander gemacht, schon immer. Und der ist immer dageblieben, über achtzig Jahre.“

​Während der Totenwacht an Schorschs Leichnam steigen im dämmerigen Zustand zwischen Müdigkeit und Wachen unwillkürlich Erinnerungen auf. Bilder der gemeinsamen Arbeit und des Baus der Bank am Waldrand treten hervor. Doch auch das kollektive Schweigen des Dorfes wird lebendig: Erinnerungen an Schmerz, an Verluste und an das Wegschauen der Dorfbewohner.
In den Erzählungen der Nacht wird auch an Schorschs zweiten Sohn Michael erinnert, der sich das Leben nahm. Es wird deutlich, dass Michael stumm um Hilfe gesucht hatte – indem er sich abwartend an Orte setzte, in der leisen Hoffnung, gesehen und angesprochen zu werden. In dieser Szene verdichtet sich die Unfähigkeit des Dorfes zur Mitteilung.

Bedeutsam ist, wie während der Totenwacht das Schweigen durchbrochen wird. In den leisen Stimmen, die durch den Raum wandern, wird Schorsch für eine Nacht noch einmal gehalten. Durch das gemeinsame Erinnern bleibt er vorübergehend lebendig. Bemerkenswert ist dabei, wie Max mit der schlichten Sprache eines einfachen Mannes den Verlust verarbeitet:
„Das Leben geht halt weiter, dachte er sich, und muss auch weitergehen, auch ohne den Schorsch, und er sah hinüber zu dem Aufgebahrten, wie er noch da war, aber schon weg.“ (s. 92)

​Max zeichnet das Bild eines kargen Lebens, in dem Sehnsüchte nur am Rand existieren durften. Nur in geschützten Momenten – in der Nacht, wenn der Schlaf sich nähert – tauchen diese inneren Bilder auf, bevor sie wieder in die Tiefe zurückgleiten.
Die Dialoge im Roman sind kurz und auf das Nötigste reduziert. Die Kargheit der Landschaft spiegelt sich im Resonanzraum der Figuren und ihren Worten wider. Alles bleibt stumm und gedämpft:
„Der Park am Eck war trostlos, er kam ihm vor wie eine Zahnlücke im Ort. Es fehlte etwas.
So wie der Schorch jetzt fehlte. Nie wieder würde er bei ihm Äpfel holen, nie wieder würden sie gemeinsam Tee trinken und im Garten, in der Werkstatt oder auf seinem Chaiselongue sitzen und den Vögel lauschen, dem Knacken des Ofens oder dem Nichts.“ (s. 142)


Der Wanderer Janis begleitet Max schließlich zum Waldrand. Die Bank am Waldrand fungiert hierbei als Übergangsort zwischen der äußeren Dorfwelt und Max’ innerer Erinnerungswelt. Am Waldrand wird das Drama des Schweigens noch einmal greifbar. Max erinnert sich an die Verluste, die im Dorf leise geschehen sind – zugedeckt vom Schnee:
„Der Schnee ist wie das Schweigen, dachte er, der Schnee deckt alles zu. Er macht die Welt leiser, schluckt den Schall. Und macht sie schön.
Doch, wenn man schweigt, kommt man sehr gut miteinander aus. Worüber man nicht spricht, das gibt es nicht. Alte Dinge rührt man nicht an. Mann wollte, man musste ja zusammenleben.

Wenn die Menschen starben, waren die Geschichten weg. Und damit alles, was sie wussten und immer verschwiegen hatten.“ (s. 164,165)

Auch wenn Max Worte für weniges Ausgesprochene findet, bleibt vieles unter dem Schnee begraben. Der Text entlässt die Lesenden im dicht fallenden Schnee mit den offen gebliebenen Fragen.


Psychodynamische Auseinandersetzung:
​Der Roman entfaltet seine Kraft durch eine dichte Symbolik, die Prozesse der Abwehr, der Affektisolierung und der späten Reifung abbildet.

​Schnee als Motiv kollektiver Abwehr
Das zentrale Symbol des Romans ist der dicht fallende Schnee. Psychodynamisch steht das Weiß für eine massive Verleugnung und Affektisolierung. So wie der Schnee Spuren in der Landschaft glättet, so deckt das kollektive Schweigen der Dorfgemeinschaft emotionale Nöte und Traumata zu. Es entsteht das Abwehrszenario der Illusion, das Nicht-Ausgesprochene habe nie existiert. Der Schmerz wird unter einer isolierenden Schicht konserviert und immobilisiert.

Introjektion der Mangelarchitektur
Max verkörpert eine Persönlichkeitsstruktur, die in einem affektiv kargen Milieu gereift ist. Eine Umwelt, die individuelle Entfaltung und emotionale Neugier hemmt, wird vom Individuum verinnerlicht (introjiziert). Der äußere Mangel an Resonanz verwandelt sich in eine innere, restriktive Struktur. Die Gefühle erstarren, um das Fehlen von relationaler Wärme erträglich zu machen. Sehnsüchte dürfen nur am Rande existieren und tauchen lediglich im Halbschlaf auf, bevor sie wieder ins Unbewusste absinken.

Die Funktion des Wanderers als Katalysator
Eine wesentliche Wendung erfährt das Geschehen durch die Figur des Wanderers Janis. Psychodynamisch betrachtet, entspricht der Wanderer einem analytischen Gegenüber, das von außen an das erstarrte System herantritt. Durch gezielte, unvoreingenommene Fragen bricht Janis die Abwehrschichten auf. Das genuine Interesse des Fremden löst bei Max eine innere Bewegung aus und ermöglicht den Übergang von emotionaler Erstarrung zu erster Reflexion.

Späte Symbolisierung und Beziehungsbedürfnis
Angesichts des Verlusts gelingt Max ein später Schritt zur Bewusstwerdung. Fernab von Idealierung findet er einfache, aber präzise Worte für den Tod, die Verbundenheit und den Abschied. Dies belegt ein zentrales psychodynamisches Prinzip: Das Bedürfnis nach emotionaler Resonanz und Symbolisierung erlischt auch im hohen Alter nicht. Wenn ein Gegenüber als Resonanzraum dient, können selbst in stark verfestigten psychischen Abwehrstrukturen Denk- und Sprechprozesse reaktiviert werden.

Tommie Goerz führt uns in die Abgründe der menschlichen Stille. Die unendliche Sprachlosigkeit wird symbolisch vom fallenden, dichten Schnee begleitet: So wie im Zwischenmenschlichen durch das Schweigen Spuren und Nöte verblassen, deckt der Schnee jeden Abdruck zu. Es entsteht die Illusion, als hätte das Nicht‑Ausgesprochene nie existiert. Psychodynamisch steht das dichte Weiß für eine massive Verleugnung und Affektisolierung – ein kollektives Abwehrszenario, das den Schmerz unter einer dicken Eisschicht begräbt.

Literatur: Goerz, T. (2025). Im Schnee. Frankfurt am Main: Büchergilde.