Einleitung
Im Schnee ist ein kleiner Roman mit großer Tiefe. Er erzählt von Verlust und Vergänglichkeit, von der Stille des Winters und den Spuren, die ein Leben hinterlässt, bevor der Schnee sie bedeckt. Er erzählt von den zentralen Themen des Lebens – vom Verlust, vom Tod und letztlich vom Leben selbst.
All dies behandelt der Roman auf eine stille, unaufgeregte Weise. Gerade diese Zurückhaltung macht die Erzählung so tiefgründig, und sie hinterlässt – trotz des Schneefalls – deutliche Spuren.

Der Roman Im Schnee von Tommie Goerz ist am 10. Januar 2025 im Piper Verlag in München erschienen.


Der Roman
Die Erzählung setzt in einer gedämpften, winterlichen Melancholie ein. Der Schnee fällt leise, legt sich wie ein Schleier über die Landschaft und trägt die Ahnung von Abschieden in sich.
Max steht an einem kalten Januartag am Fenster und verfolgt das weiße Fallen, als die Totenglocken zu läuten beginnen. Kurz darauf erfährt er, dass sein Freund Schorsch – der eigentlich Georg hieß – verstorben ist.

„Aber jetzt war es der Schorsch, der tot war. Und plötzlich war die Welt eine andere.“ (S. 13)

„Max stand noch immer am Fenster. Irgendwie war alles voll Schorsch.“ (S. 20)

Max führt uns mit einer zaghaften Stimme und ebenso zaghaften Erinnerungen durch die Landschaften des kleinen Dorfes und über die kargen, vom Schnee bedeckten Inseln seines Gedächtnisses. Er zeichnet das Bild eines sterbenden Ortes.
Eines Ortes des Verlassens. Eines Ortes der Einsamkeit. Eines Ortes des Schweigens.

Die Metzgerei und das Wirtshaus sind bereits seit geraumer Zeit geschlossen, und manchmal vergeht eine ganze Woche, bevor Max einen Zug vorbeifahren sieht. Der Verfall ist überall spürbar – er liegt in der Luft, in den leeren Straßen, und wird mit jeder Zeile greifbarer.

Max sieht an dem Abend einen unbekannten Mann am Gleis stehen. Einen Wanderer. Einen Fremden. Und bittet diesen herein, um sich aufzuwärmen. Der Wanderer bringt eine Atomsphäre der Neugier in die Geschichte.

Als der Wanderer Max fragt, ob Schorsch sein Freund gewesen sei, kommt Max mit einer Leere, einer Frage, einer Unsicherheit in Kontakt. Erst in diesem Moment spürt er, dass er diese Verbindung nie benannt, nie wirklich betrachtet hat – dass sie einfach da war, wie ein Stück Landschaft, das man erst im Verlust erkennt.

„Freund?“, sagt er dann. „Keine Ahnung. Der war einer von hier, wir haben viel miteinander gemacht, schon immer. Und der ist immer dageblieben, über achtzig Jahre.“

Die Erinnerungen können insbesondere in dem dämmrigen Zustand, während Max an Schorschs Leichnam die Totenwacht hält, aufkommen. In den Momenten, wenn er müde ist und kurz einnickt, traut sich sein Unbewusstes Raum einzunehmen und sich zu zeigen.

Immer wieder steigen Erinnerungen in Schorsch auf – an die gemeinsamen Arbeiten, an das Bauen der Bank am Waldrand, an die stillen Stunden, die sie miteinander geteilt haben. Doch auch die Menschen aus dem Dorf treten in diesen inneren Bildern hervor: Erinnerungen an Schmerz, an das endlose Schweigen, an die vielen Verluste. Und an das Wegschauen der Dorfbewohner, wenn jemand in Not war.

Auf der Totenwacht werden die verbliebenen Erinnerungen an den Verstorbenen gesammelt und erzählt. Man spricht über den Streit mit seinem Vater, über alte Verletzungen, die nie ganz verheilt sind. Manche Erinnerungen drängen sich immer wieder auf: die an Schorschs zweiten Sohn – Michael -, der seinem Leben ein Ende gesetzt hatte.

Es wird deutlich, dass Michael bei den Dorfbewohner*innen Hilfe gesucht hatte – stumm –, indem er sich irgendwo hinsetzte und einfach wartete. Vielleicht trug ihn die leise Hoffnung, angesprochen zu werden, gefragt zu werden, in seiner unendlichen Not gesehen zu werden.
In dieser Szene des Schweigens verdichtet sich vielleicht etwas, das viele im Dorf in sich tragen – eine alte Unfähigkeit, sich mitzuteilen, und die leise, schmerzhafte Erfahrung, nicht wirklich gesehen zu werden. Michael wurde aber nicht gesehen und nicht gefragt. Er nahm sich das Leben.

Umso bedeutsamer erscheint es mir, dass während der Totenwacht gesprochen wird. In den Stimmen, die leise durch den Raum wandern, wird Schorsch für einen Abend, für eine Nacht, noch einmal gehalten. In den Erinnerungen, die sich aneinanderreihen wie kleine Lichter, bleibt er lebendig – ein letzter warmer Atemzug im Kreis derer, die geblieben sind.

Es ist wunderschön, wie sich Max mit der Sprache eines einfachen Mannes mit dem Verlust und dem Tod auseinandersetzt.

„Das Leben geht halt weiter, dachte er sich, und muss auch weitergehen, auch ohne den Schorsch, und er sah hinüber zu dem Aufgebahrten, wie er noch da war, aber schon weg.“ (S. 92)

Max zeichnet mit seinen Erinnerungen das Bild eines einfachen Lebens. Ein karges Leben, in dem die Sehnsüchte nur am Rand seines Bewusstseins vorbeistreifen durften – wie scheue Gestalten, die sich nicht ganz zeigen. Vielleicht erlaubt er sich den flüchtigen Kontakt zu diesen inneren Bildern, zu diesen leisen, kaum ausgesprochenen Sehnsüchten, nur in diesem kleinen, engen Raum – in der Nacht, wenn der Schlaf sich nähert und die Grenzen weicher werden. Dann dürfen sie für einen Atemzug auftauchen, bevor sie wieder in die Tiefe zurückgleiten.

Mit jeder aufkommenden Erinnerung wird deutlich, wie wenig Raum es für Neugier, Entwicklung und etwas Neues im Dorf gab. Jede aufkommende Neugier wurde, oft mit Gewalt, im Keim erstickt.

Die Dialoge im Roman sind kurz, karg, auf das Nötigste reduziert. Sie lassen keinen Raum für Entwicklung oder Wandlung; keine Lücke, in der sich etwas Unausgesprochenes sammeln oder etwas Neues entstehen könnte.

Die Kargheit der Landschaft, ihre Kühle und Kälte, spiegelt sich im Resonanzraum der Figuren und in ihren Worten wider.
Alles bleibt stumm, gedämpft, lautlos. Und nur in wenigen, flüchtigen Momenten wird eine leichte Weichheit spürbar – dann, wenn Max über Schorsch nachdenkt und der Verlust in ihm lebendig wird.

„Der Park am Eck war trostlos, er kam ihm vor wie eine Zahnlücke im Ort. Es fehlte etwas.
So wie der Schorch jetzt fehlte. Nie wieder würde er bei ihm Äpfel holen, nie wieder würden sie gemeinsam Tee trinken und im Garten, in der Werkstatt oder auf seinem Chaiselongue sitzen und den Vögel lauschen, dem Knacken des Ofens oder dem Nichts.“ (S. 142)


Und wir lauschen der Stimme eines einfachen Mannes, der – wie seine Erinnerungen zeigen – kaum Gelegenheit hatte, über sich selbst nachzudenken oder von seinem Leben zu erzählen. Auch sein Inneres musste sich verschließen; in dieser wortkargen, kargen Gemeinschaft wurde selbst seine Innenwelt karg.
Nun aber, mit dem Verlust konfrontiert, muss er Worte und Beschreibungen für sein Erleben finden, um Abschied nehmen zu können.

Bedeutsam ist, dass dieser einfache Mann, der bisher so wenig verbalisieren konnte, das Dorf, die Härte des Miteinanders und seine Welt nicht idealisieren muss. Er vermag es, einen kritischen Blick gleiten zu lassen über das Schweigen – und findet vielleicht gerade dadurch einen ersten Ausweg aus diesem Schweigen. Und gleichzeitig gelingt es ihm die schönen Dinge zu benenn, das Wertvolle zu sehen, der eigenen Welt Bedeutung zu geben.

Der Wanderer Janis kehrt zurück. In der Begegnung mit ihm zeigt sich, wie tief das Dorf in seiner Vergangenheit feststeckt, als hätte die Zeit dort aufgehört zu fließen – unbeweglich, fast erstarrt. Wahrscheinlich aus Angst vor dem Neuen, vor Entwicklung und aus dem Mangel an wirklichem Kontakt zueinander.

Janis begleitet Max zum Waldrand, und Max setzt sich auf die Bank, die er einst gemeinsam mit Schorsch gebaut hat. Dort, in den letzten Zeilen des Buches, denkt er noch einmal nach.

Die Bank am Waldrand ist ein wunderbares Symbol: Der Waldrand markiert die Grenze zum Unbewussten – jenen Übergang zwischen dem Sichtbaren und dem Inneren. Vielleicht ist es deshalb nicht verwunderlich, dass sich das Innere von Max hier besonders deutlich zeigt.

Am Waldrand wird das Drama des Schweigens und der Einsamkeit deutlicher als irgendwo sonst. Max sitzt auf der Bank und erinnert sich an all die Verluste und Abschiede, die im Dorf stumm und leise geschehen sind – lautlos, wie von Schnee zugedeckt.
Er denkt an die Menschen, die an diesem Schweigen zerbrochen sind.

„Der Schnee ist wie das Schweigen, dachte er, der Schnee deckt alles zu. Er macht die Welt leiser, schluckt den Schall. Und macht sie schön.
Doch, wenn man schweigt, kommt man sehr gut miteinander aus. Worüber man nicht spricht, das gibt es nicht. Alte Dinge rührt man nicht an. Mann wollte, man musste ja zusammenleben.

Wenn die Menschen starben, waren die Geschichten weg. Und damit alles, was sie wussten und immer verschwiegen hatten.“ (S. 164,165)

Und auch wenn Max in den dämmrigen Zuständen seiner Psyche – umhüllt von Traum und Müdigkeit oder am Waldrand sitzend, am Rand des Unbewussten – Worte für so vieles findet, Worte, die er zuvor nicht finden konnte und nach denen er nie gesucht hat, bleibt doch vieles unter dem Schnee begraben.

Und wir bleiben, im immer dichter fallenden Schnee, mit all unseren Fragen zurück.


Meine Auseinandersetzung:
„Im Schnee“ ist ein kleiner Roman mit großer Kraft und unendlich viel Symbolik. Es ist ein tiefer Roman über das Schweigen, über Einsamkeit, über das Nichtsprechen und über Freundschaft und Verbundenheit, die selbst an kargen, kalten Orten entstehen und gedeihen können – und vielleicht gerade dort umso schöner werden.

Das Nichtsprechen sowie die mangelnde Verbundenheit der Dorfbewohner*innen, das Nicht-hinschauen-wollen, stehen für mich im Fokus des Geschehens.
Tommie Goerz führt uns in die Abgründe der menschlichen Stille und Kargheit. Die unendliche Stille wird symbolisch vom fallenden, dichten und lautlosen Schnee begleitet und untermauert.
So wie im Zwischenmenschlichen alles angesichts des Schweigens seine Bedeutung verliert, so verschwinden auch Spuren, Nöte und Abdrucke im Schnee.
Es entsteht der Eindruck, als wäre niemand da gewesen.
Was nicht ausgesprochen, nicht geteilt wurde, wird zugedeckt – und scheint nie existiert zu haben.

Es geht um Menschen und Schicksale, die am Schweigen zerbrechen.
Es ist ein Roman über Verluste.
Es ist eine Geschichte über das Alter.
Es ist eine Erzählung über Einsamkeit.
Und es ist eine Geschichte über Max – einen einfachen Menschen, der angesichts eines großen Verlustes ins Denken findet, einen Resonanzraum öffnet und sich, wenn auch karg, mitteilen kann.

Max steht für einen Menschen, der kaum Gelegenheit hatte, sich zu entfalten, sich zu entwickeln, etwas Eigenes zu entwerfen – etwas, das nicht in den engen Rahmen des Gewollten passte.
Jede Neugier wurde im Keim erstickt.
Und doch konnte in all dieser Kargheit etwas Wunderbares entstehen – eine Verbindung, eine Freundschaft.
Wie bedeutsam diese Beziehung ist, zeigt sich darin, dass Max nun karge Worte findet – zunächst für den Tod, für den Verlust und dann für die Verbindung zu Schorsch und für den Abschied.

Es ist unheimlich berührend, mit welcher Einfachheit und zugleich Klarheit sich Max seinem Leben und seinem Schmerz zuwendet. Und wie wunderschön, beinahe naiv und doch ganz klar – fern jeder Idealisierung – seine Gedanken sind.

Die Zeilen lassen uns spüren, wie schwer Einsamkeit wiegen kann – wie ein kalter, dichter Schnee, der sich Schicht um Schicht auf ein Leben legt. Und wie Menschen, selbst wenn sie von anderen umgeben sind, innerlich erfrieren können.
Wie aus einem äußeren Käfig ein innerer, lebenslanger Käfig wird, ein Raum ohne Wärme, ohne Echo. Und wir spüren, wie schwer es ist, sich aus diesem Käfig zu lösen – besonders dann, wenn die Jahre vergangen sind und der Schnee sich verfestigt hat, hart und unbeweglich. Mit fortschreitendem Alter wird jede Bewegung mühsamer, jeder Schritt ein Kampf gegen die Kälte, die sich im Inneren ausgebreitet hat.

Doch die vielleicht stärkste Botschaft dieses Romans ist die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen: Resonanz, Antwort, ein Wort, eine haltende Begegnung.

Der Text lässt spüren, wie ein Mensch an Einsamkeit und an einem erstarrten Schweigen zerbrechen kann – und wie bedeutsam es ist, Wege zu finden, dieses Schweigen zu durchbrechen, um wieder in einen lebendigen Austausch, in ein dialogisches Erleben zurückzufinden. Zugleich zeigt der Roman, dass Denken, Sprechen und Resonanz auch im hohen Alter unverzichtbar bleiben.
Bedeutsam erscheint mir die Symbolik des Wanderers, der durch seine Fragen etwas Neues, eine Bewegung und eine neugierige Offenheit in die Geschichte bringt. Seine Fragen scheinen Einfluss auf Max’ innere Bewegung zu haben und verdeutlichen, wie wichtig Interesse, Neugier und ein Blick von außen sein können.

Und diese Zeilen machen deutlich, dass selbst an den kargsten Orten – dort, wo alles erstarrt scheint – wundersame, zarte Blüten wachsen können.

In der aktuellen Fassung vom 20.01.26

Literatur: Goerz, T. (2025). Im Schnee. Frankfurt am Main: Büchergilde.