Ein Märchen von Hans Christian Andersen
Einleitung:
In diesem Text möchte ich mich dem bekannten Märchen von Hans Christian Andersen widmen – Der kleinen Seejungfrau. Es ist eine jener oft erzählten und vielfach veränderten Geschichten, die durch die Adaption von Walt Disney ein neues Gesicht bekommen haben.
Die meisten denken an Arielle, wenn die kleine Seejungfrau zur Sprache kommt – und an eine Geschichte mit einem Happy End.
Doch Andersens Original erzählt etwas anderes.
Das Märchen:
Das Märchen beginnt mit zauberhaften Beschreibungen der Unterwasserwelt – einer Welt voller Lichtspiele, Farben und lautloser Schönheit. Es ist ein Märchen, welches uns in die Tiefe führt – in die eigene Innenwelt.
Doch schon in den ersten Sätzen zeigt sich ein feiner Riss: Die Seejungfrauen haben ihre Mutter verloren. Sie wachsen beim Vater und unter der Obhut der Großmutter auf – in einer Welt, die märchenhaft erscheint, aber von Anfang an vom Verlust durchzogen ist. Ein stiller Verlust, der nicht mehr zur Sprache kommt, aber spürbar bleibt – wie eine leise Leerstelle im Glanz der Tiefe.
Die Leser*innen erhalten ein Bild vom Zusammenleben der Königsfamilie und von den Regeln, die dieses Zusammenleben prägen. Und sie begegnen der jüngsten Tochter – einer Figur von „wundersamer Art“, still und nachdenklich, mit einer Sehnsucht, die sich nicht benennen lässt, aber durch jede Zeile hindurchschimmert.
„Jede von den kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen Fleck im Garten, wo sie graben und pflanzen konnte, wie es ihr gefiel; die eine gab ihrem Blumenfleck die Gestalt eines Walfisches, eine andere zog es vor, dass der ihre einer kleinen Meerjungfrau glich, aber die Jüngste machte ihren Fleck ganz rund wie die Sonne und hatte Blumen, die rot wie diese schienen. Sie war ein sonderbares Kind, still und nachdenklich; und wenn die anderen Schwestern mit den sonderbarsten Sachen, welche sie von gestrandeten Schiffen erhalten hatten, prunkten, wollte sie außer den rosenroten Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche Marmorstatue haben. Dies war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klarem Stein gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund gekommen war. Sie pflanzte bei der Statue eine rosenrote Trauerweide; die wuchs herrlich und hing mit ihren frischen Zweigen über derselben, gegen den blauen Sandboden hinunter, wo der Schatten sich violett zeigte und, gleich den Zweigen, in Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die Wurzeln mit einander spielten, als wollten sie sich küssen.“
Eine wichtige Regel besagt, dass die Meeresbewohner*innen erst an ihrem 15. Geburtstag zum ersten Mal an die Meeresoberfläche schwimmen dürfen – um ihre ersten Erfahrungen mit der fernen, unbekannten Welt der Menschen zu machen. Und so steigt eine Schwester nach der anderen zu ihrem Geburtstag empor, durchbricht die Grenze zwischen Tiefe und Oberfläche, und kommt mit einer Welt in Kontakt, die anders ist als alles, was sie bisher kannten.
„Keine war so sehnsuchtsvoll wie die jüngste, gerade sie, die am längsten zu warten hatte und die so still und gedankenvoll war.“
Zügig wird eine stille Sehnsucht der jüngsten Schwester spürbar – ein innerliches Verzehren nach der unbekannten Welt der Menschen, die sie mit vielen inneren Wünschen und Bedürfnissen zu besetzen scheint. Sie sehnt sich nach etwas Fernem und Unerreichbarem.
„… aber die Seejungfrau hatte keine Tränen, und darum leidet sie immer weit mehr.“
Auch wenn die kleine Seejungfrau nicht genau weiß, wonach sie sich so sehr verzehrt – und was ihr Inneres so dringend braucht – findet sie es an ihrem 15. Geburtstag in der Gestalt des Prinzen.
Man könnte meinen, es hätte jede andere Person sein können, die ihr Herz erobert.
Denn ihre Seele sucht nicht nur nach einem Menschen, sondern nach einer Fläche, auf die sie ihre Wünsche und Bedürfnisse projizieren kann.
Sie rettet den Prinzen vor dem sicheren Tod:
„… er hätte sterben müssen, wenn die kleine Seejungfrau nicht hinzugekommen wäre. Sie hielt seinen Kopf über dem Wasser und ließ sich dann mit ihm von den Wellen treiben, wohin sie wollten.“
Und sie verliebt sich unsterblich in diesen jungen Mann – nicht nur in ihn, sondern in das, was er für sie verkörpert: Die Welt der Menschen, das Licht, die Seele, das Leben jenseits der Tiefe und des Unbewussten.
Nun, da ihre Sehnsucht eine Fläche, ein Gesicht, eine Gestalt bekommen hat, verzehrt sich die kleine Seejungfrau noch mehr nach ihm – nach jemandem, der unerreichbar scheint.
Tag für Tag, Nacht um Nacht richtet sich ihr innerstes Verlangen auf den Prinzen.
Er ist nicht nur ein Mensch – er ist das Tor zu einer anderen Welt, zu einem anderen Sein.
Die Sehnsucht nach der Welt der Menschen, nach einem Leben jenseits des Wassers, wird noch intensiver, noch zerreißender, als die kleine Seejungfrau erfährt, dass die Menschen eine unsterbliche Seele besitzen – und die Meeresbewohner nicht. Bleibt sie im Wasser, so wird sie nach 300 Jahren vergehen, sich auflösen zu Schaum auf dem Meer – ohne Erinnerung, ohne Wiederkehr, ohne Fortbestehen. Nie wird sie, wie die Menschen, ewig leben. Nie wird sie jene fernen, lichten Orte erblicken.
„Wenn die Menschen nicht ertrinken,“ fragte die kleine Seejungfrau, „können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, wie wir hier unten in den Meeren?“ „Ja,“ sagte die Alte; „sie müssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist sogar noch kürzer, als die unsere. Wir können dreihundert Jahr alt werden, aber wenn wir dann aufhören, hier zu sein, so werden wir nur in Schaum auf dem Wasser verwandelt, haben nicht einmal ein Grab hier unter unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele; wir erhalten nie wieder Leben; wir sind gleich dem grünen Schilf; ist das einmal durchschnitten, so kann es nicht wieder grünen! Die Menschen hingegen haben eine Seele, die ewig lebt, die noch lebt, nachdem der Körper zu Erde geworden ist; sie steigt durch die klare Luft empor, hinauf zu allen den glänzenden Sternen! So wie wir aus dem Wasser austauchen und die Länder der Menschen erblicken, so steigen sie zu unbekannten herrlichen Orten auf, die wir nie zu sehen bekommen.“
„Weshalb bekamen wir keine unsterbliche Seele?“ fragte die kleine Seejungfrau betrübt. „Ich möchte alle meine Hunderte von Jahren, die ich zu leben habe, dafür geben, um nur einen Tag ein Mensch zu sein und dann hoffen zu können, Anteil an der himmlischen Welt zu haben.“
„Daran darfst Du nicht denken!“ sagte die Alte. „Wir fühlen uns weit glücklicher und besser als die Menschen dort oben!“
Ich werde also sterben und als Schaum auf dem Meere treiben, nicht die Musik der Wogen hören, die schönen Blumen und die rote Sonne sehen? Kann ich denn gar nichts tun, um eine unsterbliche Seele zu gewinnen?“
„Nein!“ sagte die Alte. „Nur wenn ein Mensch Dich so lieben würde, dass Du ihm mehr als Vater und Mutter wärest; wenn er mit all seinem Denken und all seiner Liebe an Dir hinge und den Prediger seine rechte Hand in die Deinige, mit dem Versprechen der Treue hier und in alle Ewigkeit, legen ließe: dann flösse seine Seele in Deinen Körper über, und auch Du erhieltest Antheil an der Glückseligkeit der Menschen. Er gäbe Dir Seele und behielte doch seine eigene. Aber das kann nie geschehen! Was hier in den Meeren gerade schön ist: Dein Fischschwanz, finden sie dort auf der Erde hässlich; sie verstehen es eben nicht besser; man muss dort zwei plumpe Stützen haben, die sie Beine nennen, um schön zu sein!“
Ganz von Sehnsucht und Trauer ergriffen, findet die kleine Seejungfrau ihren Weg zur Meereshexe. Sie opfert ihre Stimme und verlässt ihre Heimat, um Mensch werden zu können.
„Sie konnte ihres Vaters Schloss sehen; die Fackeln waren in dem großen Tanzsaale erloschen; sie schliefen sicher Alle drinnen; aber sie wagte doch nicht, sie aufzusuchen, nun da sie stumm war und sie auf immer verlassen wollte. Es war, als ob ihr Herz vor Trauer zerspringen sollte. Sie schlich in den Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeet ihrer Schwestern, warf Tausende von Kusshändchen dem Schlösse zu und stieg durch die dunkelblaue See hinauf.“
Sie leidet Schmerzen, um in der Nähe des Prinzen zu sein. Sie hofft, er werde sich in sie verlieben – und ihr eine unsterbliche Seele schenken. Doch auch jetzt wird sie nicht erhöht, nicht gesehen, nicht erkannt.
Ihre Sehnsucht bleibt ungestillt.
Sie hat keine Stimme.
Sie bleibt gebunden.
Gebunden an die unendliche Sehnsucht nach Liebe, nach Vollständigkeit,
nach einer Seele, die in der Welt bleiben darf.
„Alle waren entzückt davon, besonders der Prinz, der sie sein kleines Findelkind nannte; und sie tanzte mehr und mehr, obgleich es jedes Mal, wenn ihr Fuß die Erde berührte, war, als ob sie auf scharfe Messer träte. Der Prinz sagte, dass sie immer bei ihm bleiben solle, und sie erhielt die Erlaubnis, vor seiner Türe auf einem Samtkissen zu schlafen. Er ließ ihr eine Männertracht machen, damit sie ihn zu Pferde begleiten könne. Sie ritten durch die duftenden Wälder, wo die grünen Zweige ihre Schultern berührten und die kleinen“
Der Prinz aber verzehrt sich nach einer anderen – nach jener jungen Frau, die ihn nach dem Schiffsunglück am Strand gefunden hat.
Und er findet diejenige, die er gesucht hat.
Diejenige, die er liebt.
Die kleine Seejungfrau erkennt nun, dass ihre Sehnsucht nicht in Erfüllung gehen wird.
Dass sie sterben wird.
Inmitten des Hochzeitsschimmers und des Hochzeitsglücks wird ihre tiefe, endgültige Trauer spürbar.
Es ist nicht nur der Verlust ihres Lebens – es ist, und vielleicht vor allem, der Verlust ihrer unerfüllten Träume und ihrer innersten Wünsche.
Ihr wird klar, dass es eine Welt gibt, die sie nicht betreten kann.
„Sie wusste, es sei der letzte Abend, an dem sie ihn erblickte, für den sie ihre Verwandten und ihre Heimat verlassen, ihre schöne Stimme dahingegeben und täglich unendliche Qualen ertragen hatte, ohne dass er es mit einem Gedanken ahnte. Es war die letzte Nacht, dass sie dieselbe Luft mit ihm einatmete, das tiefe Meer und den sternenhellen Himmel erblickte; eine ewige Nacht ohne Gedanken und Traum harrte ihrer, die keine Seele hatte, keine Seele gewinnen konnte.“
Die Schwestern bringen einen letzten Hoffnungsschimmer – einen möglichen Ausweg.
Sie opfern ihr Haar, geben das Kostbarste, das sie besitzen, der Meereshexe, um ihre kleine Schwester vom Tod zu bewahren. Die letzte Möglichkeit, sich selbst zu retten, verlangt die Zerstörung dessen, worauf sie all ihre Sehnsucht gerichtet hat – den Prinzen.
Die Haar-Symbolik steht hier deutlich im Vordergrund. Nicht nur, weil die Schwestern ihr Haar opfern – sondern auch, weil sie berichten, dass die Großmutter vor Sorge und Kummer ihr graues Haar verloren hat. Diese Symbolik markiert die stattfindende Trennung, den Verlust.– und das unausweichliche Ende.
Die kleine Seejungfrau entscheidet sich für den eigenen Tod.
Und doch ist es nicht der Tod, dem sie begegnet.
Sie steigt zu den Töchtern der Luft empor – und erhält die Möglichkeit, sich ihre unsterbliche Seele zu erarbeiten.
„Die Töchter der Luft haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie können durch gute Handlungen sich selbst eine schaffen. Wir fliegen nach den warmen Ländern, wo die schwüle Pest Luft den Menschen tötet; dort fächeln wir Kühlung. Wir breiten den Duft der Blumen durch die Luft aus und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang gestrebt haben, alles Gute, was wir vermögen, zu vollbringen: so erhalten wir eine unsterbliche Seele und nehmen Theil am ewigen Glücke der Menschen. Du arme kleine Seejungfrau hast mit ganzem Herzen nach demselben wie wir gestrebt; Du hast gelitten und geduldet, hast Dich zur Luftgeisterwelt erhoben und kannst nun Dir selbst durch gute Werke nach drei Jahrhunderten eine unsterbliche Seele schaffen.“
Meine Auseinandersetzung:
Auch wenn die unglückliche Liebe der kleinen Seejungfrau und ihr Verlust auf der Oberfläche im Vordergrund stehen, ist die Geschichte weit mehr als eine tragische Erzählung über Liebe und Schmerz.
Es ist eine Geschichte über Selbstwerdung.
Eine Geschichte über Entwicklung.
Und letztlich eine Geschichte über die Suche nach dem Bewusstsein.
Die Geschichte beschreibt eine Bewegung aus dem Unbewussten ins Bewusste – ein Ringen um Erkenntnis.
Die kleine Seejungfrau – als Bild des Unbewussten – wird in die obere, bewusste Welt gebracht.
Und doch, auch wenn sie menschliche Füße erhält, schmerzt jeder Schritt, den sie geht. Jedes Mal, wenn ihre Füße die Erde berühren, ist es, als würde sie auf scharfe Messer treten. Diese Schmerzen verweisen auf die Schwierigkeit, Unbewusstes ins Bewusstsein zu integrieren.
Die Reise zur Bewusstwerdung, zur Integration und zur Selbstwerdung ist mit Projektion (die Liebe zum Prinzen) und mit viel Schmerz verbunden.
Doch, hat die kleine Seejungfrau ihr Ziel am Ende erreicht?
Hat sie bekommen, wonach sie sich so sehr gesehnt hat?
Genau an dieser Stelle lässt sich eine kraftvolle Parallele zur Psychotherapie und zur Entwicklung innerseelischer Prozesse ziehen.
Viele Patientinnen kommen mit der Hoffnung, durch Bewusstwerdung Leichtigkeit zu gewinnen. Doch die Reise ins Bewusste ist kein Aufstieg in die Lüfte – sie ist zunächst ein Gang über scharfe Messer.
Die Bewusstwerdung ist eine Reise durch Täler des Schmerzes und des Verlustes – ein Weg hinab in das Verborgene, das lange unter der Wasseroberfläche lag. Eine Entdeckung, die Mut verlangt, ein Kraftakt, der den Menschen an seine Grenzen führt. Auf dem Weg der Bewusstwerdung beginnt das Diffuse eine Gestalt anzunehmen, das Stumme findet eine Sprache, das Ungreifbare wird greifbarer und das Unaussprechliche erfahrbar.
Und doch bleibt die unendliche Leichtigkeit unerreichbar. Bewusstwerdung heißt nicht loslassen, sondern wach und gegenwärtig verbunden sein mit dem Erlebten.
Sie schenkt Sicherheit, ein Gefühl von Kontrolle über das eigene Leben. Doch diese Sicherheit ist untrennbar verknüpft mit dem, was fehlt: mit der Leerstelle, mit der Lücke, die bleibt und die zugleich den Raum öffnet, in dem Bewusstsein entsteht
Bewusstwerdung bedeutet fortwährende Arbeit – ein Dranbleiben, eine immer neue Herausforderung, ähnlich wie die kleine Seejungfrau, die über Jahrhunderte nach einer unsterblichen Seele sucht.
Und doch wächst auf diesem Weg etwas heran: eine Sprache, eine Form, eine Verbindung. Ein Selbst entsteht. Der Mensch gewinnt die Möglichkeit, sein Leben selbst zu bestimmen – ein Leben, das ihn entfalten und wachsen lässt, das ihn befähigt zu schaffen und zu erschaffen. Ein Leben, in dem Liebe, Sehnsucht und Verbindung jenseits von Projektion und Ausgeliefertsein möglich werden.
Die kleine Seejungfrau zeigt uns, was es bedeutet, einen schweren Weg zu gehen – und letztlich auch, was es bedeutet, den eigenen Weg zu finden.
In der aktuellen Fassung vom 19.11.2025.